Das kann doch jedes Schwein lesen!
Insgeheim weiß wohl jeder, dass Schweine über außergewöhnliche soziale und kognitive Fähigkeiten verfügen. Sie lernen Kommandos schnell, merken sich ihren Namen und entwickeln Strategien um Probleme zu lösen. In Film und Fernsehen wurden sie mit ihrer Cleverness schon vor Jahrzehnten zu Kultfiguren: Man erinnere sich an das „Schweinchen Babe“, das mit diplomatischem Geschick sture Schafe dazu bewegt, in braven Zweierreihen zu gehen und so einen Wettbewerb zu gewinnen. Oder das „Knirpsschweinchen“ von Michel aus Lönneberga, dem er jede Menge Kunststücke beibringt und es so davor rettet, als Weihnachtsbraten zu enden. Wirklich untersucht sind Intelligenz und Verhalten von Schweinen jedoch kaum.
Können Schweine zählen?
Das berichtet auch Dr. Marianne Wondrak im Interview mit Gisela Pschenitschnig vom Gut Aiderbichl. „Ich glaube, es hat viel damit zu tun, wie Schweine von den Menschen genutzt und ausgenutzt werden. Es scheint, als würde der Mensch Tiere, die als besonders intelligent angesehen werden, weniger essen wollen und umgekehrt.“ Heißt im Umkehrschluss: Wer sich einredet, dass ein Tier ohnehin nicht so schlau ist, hat auch ein weniger schlechtes Gewissen es auszubeuten oder zu verzehren.
Dr. Marianne Wondrak leitete seit 2014 das Clever Pig Lab im Messerli Forschungsinstitut der VedMed Universität in Wien. 2022 wurde es nicht verlängert, seitdem ist das Projekt mit 37 Tieren auf Gut Aiderbichl zuhause. In Zusammenarbeit mit der Universität Padua werden hier Schweine beobachtet und lösen Aufgaben; so soll herausgefunden werden, wie die Tiere denken und lernen. Dabei geht es um zwei zentrale Fragen: Welches Verständnis haben Schweine von abstrakten Mengen, also viel und wenig? Und können sie eine bestimmte Reihenfolge erkennen?
Die Schweine haben dafür verschiedene Tests absolviert. Die Lösung mussten sie jeweils alleine herausfinden, sie zeigten hier jedoch grundsätzlich Ehrgeiz. In verschiedenen Schüsseln wurden z. B. Apfelstücke versteckt, die Schüsseln wurden anschließend im Raum verteilt. Eber Dragomir gelang es problemlos, sich die entsprechende Schüssel zu merken. Die teilnehmenden Schweine lernten außerdem, einen Touchscreen mit ihrem Rüssel zu bedienen. Dann mussten sie darauf das Bild auswählen, auf dem die meisten Punkte zu sehen waren. Eber Zazou löste die Aufgabe mit Bravour.
Das Clever Pig Lab
Das Projekt zeigt, dass Schweine eigene Persönlichkeiten und komplexe Fähigkeiten haben. Diese Beobachtungen hatte Marianne Wondrak bereits am ersten Standort des Clever Pig Lab gemacht. Hier hat sie eine Herde Kune Kune Schweine vom ersten Lebenstag an in natürlicher Umgebung beobachtet. Ihre soziale Intelligenz hat sie dabei besonders fasziniert. Jüngere lernten von Älteren; wusste ein Tier bei einer komplexen Aufgabe allein nicht weiter, beobachtete es Artgenossen oder Menschen, wie diese es angingen – und setzte deren Lösung ebenfalls um. Wichtig: Alle Aufgaben sind dabei stets freiwillig. Die Schweine entscheiden selbst, ob sie mitmachen möchten oder nicht; als Anreiz dient ausschließlich positive Verstärkung.
Die Forschungsergebnisse decken sich mit den Erkenntnissen, die über Schweine bekannt sind und liefern gleichzeitig neues Wissen. So steht fest, dass die Tiere Artgenossen und Menschen wiedererkennen, Aufgaben und Positionen innerhalb einer Gruppe übernehmen und Freundschaften bilden. Auch Mitgefühl und sprachliche Laute für Emotionen sind belegt. Ihre Lern- und Merkfähigkeit wurde wiederholt nachgewiesen, so können sie z. B. Schalter ein- und ausschalten und smarte Medien bedienen. Nun wurde auch belegt, dass sie Mengen und Reihenfolgen einordnen können. Würden die Menschen dies endlich anerkennen und ihnen mehr zutrauen – so wie es bereits Astrid Lindgren durch ihren Michel gemacht hat – hätten sie vielleicht auch größere Skrupel sie zu essen.